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Chorgemeinschaft Unterpfaffenhofen-Germering - Germeringer Kammerorchester:

Erstes gemeinsames Konzert ein Erfolg

Von Winfried Gessner.  Artikel erschienen in der Bayerischen Sängerzeitung Nr. 7/8, Juli/August 2019


Mit dem Konzert ‚Wege finden – Grenzen überwinden‘ stellten sich die Chorgemeinschaft

Unterpfaffenhofen- Germering und das Germeringer Kammerorchester am 19. Mai im Orlando Saal der Stadthalle ihrem Publikum, eine Veranstaltung im Rahmen der Fürstenfeldbrucker Kulturtage, Motto ‚Unterwegs‘.

‚Angekommen‘ könnte man als Resümee diesen Konzertabend überschreiben, nimmt man den Beifall des Publikums, die Stimmen der Repräsentanten der Stadt Germering und des Landkreises als Maßstab. Doch bis zu den Standing Ovations am Ende des Konzerts galt es für beide Ensembles Wege zu gehen und manche Grenze zu überwinden, ganz im Sinne des Konzertprogramms, das die Suche der Völker, der Menschen nach einem Leben in Freiheit und Würde zum Thema hatte. Das ATEmZUG Ensemble, ein choreigenes Doppelquartett, richtete vor dem eigentlichen Programmbeginn mit einem Chorsatz von Lorenz Maierhofer an das Publikum die Bitte: „Schalt aus dein Handy“ und sorgte für ein vergnügtes Schmunzeln im Saal. (Und es klingelte auch tatsächlich kein einziges Handy während des ganzen Abends!)

Vivaldis „In exitu Israel“ eröffnete das Programm und den langen Marsch durch die Geschichte von Flucht und Vertreibung, musikalisch eindrucksvoll präsentiert von Chor und Orchester, unter der Leitung von Caroline Lichtinger-von Stein. Nach dem Madrigal ‚Gott b‘hüte dich‘ wechselte Lichtinger-von Stein von ihrer angestammten Stelle als Chorleiterin, zum Platz der Orchesterdirigentin Marie-Josefin Melchior, während diese als Violin-Solistin mit ihrem Kammerorchester das Thema aus „Schindlers Liste“ interpretierte. Der gelungene Rollentausch beider Ensemble-Leiterinnen je nach Konzertstück mal Instrumentalistin mal Dirigentin, zeigte beispielhaft das harmonische Zusammenwirken von Chor und Orchester.

Hinter und über allem wirkte souverän Bruno Lichtinger als Moderator der zu den großformatigen Bildern im Hintergrund mit erlesenen Texten Zeugen ihrer Zeit zu Wort kommen ließ und einfühlsam zu den jeweiligen Musikstücken überleitete. Das Thema aus „Schindlers Liste“ mit Marie-Josefin Melchior als Violin Solistin, sowie die von Chor und dem ATEmZUG-Ensemble ergreifend schön vorgetragenen Lieder der im KZ internierten Dichterin und Komponistin Ilse Weber, standen für das dunkle Kapitel der NS-Zeit. Die Hoffnung, die trotz allem in den Liedern Ilse Webers anklang erfüllte sich für sie nicht, sie wurde in Auschwitz ermordet. Dass Musik, entgegen schlimmster Tatsachen, dem menschlichen Bedürfnis zu glauben und zu hoffen entspringt, zeigte auch das Lied „Irgendwo auf der Welt“ der Comedian Harmonist , selbst Verfolgte des NS-Regimes.

 

Der Chor, diesmal begleitet vom Klavierquartett um Walter Erpf, einem ausgesprochenen Experten der Musik der 20er/30er Jahre, setzte mit einer Interpretation zum Dahinschmelzen einen ersten wirklichen Ohrwurm. Lorenz Maierhofers Chorstück‚Grenzen‘, der Refrain : ‚Will überwinden Mauer Zaun und Schranken‘ leitete über in die DDR-Zeit, Flucht trotz tödlicher Grenzen, und betonte, dass die hartnäckigsten Grenzen in unseren Köpfen existieren.

Der 1. Satz aus Ermano Wolf-Ferraris ‚Serenade für Streichorchester Es-Dur‘ erinnerte an den Deutsch-Italienischen Komponisten, der sich dem Faschismus durch Flucht in die Schweiz entzog. ‚Die Gedanken sind frei‘, die Hymne aller in auswegloser Lage, wo nur noch die Flucht nach innen bleibt, führte zum Auftritt der Trommlergruppe des Schlagzeugers Croxi, Jugendliche aus Afrika, Afghanistan und Syrien, vom Publikum mit viel Applaus bedacht und vom Chor mit dem Gospel ‚Free at last‘, passend zu den Worten aus Martin Luther Kings legendärer Rede , von der Bühne verabschiedet.

 

Flucht in andere Welten, Sehnsucht sich zu verlieren, in Märchenwelten, virtuelle Realitäten oder im hektischen Alltag – Stichworte die den zweiten Teil des Konzerts charakterisieren. Richard Wagners ‚Trauersinfonie‘ mit Zitaten König Ludwigs II. zeigten die Melancholie, das Sehnen eines unerfüllten Lebens, die Sucht sich in Traumwelten zu flüchten. Auch Elton Johns ‚Can you feel the love tonight‘ (ATEmZUG Ensemble) singt von der unerfüllten Liebe und träumt von der großen Harmonie aller Lebewesen (the world for once in perfect harmony with all its living things). Zur Flucht in die virtuelle Welt interpretierten Orchester und Chor unter Leitung von Marie Josefin Melchior den Soundtrack zum Smartphone Spiel mit Suchtgefahr: ‚Pokemon Go‘. Sehn-Sucht – der Weg vom Sehnen in die Sucht ist kurz. Den Aktionismus der hektischen Alltagswelt thematisierten H. Genzmers Chorstück ‚Der Kläffer‘ und mit Leroy Andersons Orchesterstück ‚The Typewriter‘. Bruno Lichtinger hier als Solist an der Schreibmaschine!. Arbeit als Flucht vor sich selbst führt eher zum Burnout als zum erfüllten Leben, lautete die Botschaft. Aber mit Anton Profes ‚Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen‘ (Chor + Klavierquartett Erpf), keimte der Traum einer heilen Welt auf, ein Schlager, der beim Publikum fast das Tanzbein jucken ließ.

 

Eine perfekte Überleitung in das letzte Kapitel des Konzertabends ‚Leben in Frieden und Freiheit‘. Mit einer wunderbar heiter bis fröhlichen Sinfonia D-Dur von Johan Joachim Agrell (1. u. 3. Satz) und Andreas Rombergs a Capella Chorsatz ‚Holder Friede‘ setzten Orchester und Chor einen sanften, zuversichtlich heiteren Wendepunkt nach einem langen Weg durch das Labyrinth von Flucht, Vertreibung und Fluchten in andere Welten.

 

Das große Finale mit allen Akteuren des Abends: Beethovens ‚Freude schöner Götterfunken‘ (Chor, Orchester, Trommlergruppe) unter der Stabführung von Marie Josefin Melchior, und Caroline Lichtinger-von Stein dieses Mal an der Pauke gab den fulminanten Programmschluss.

Der langanhaltende Applaus sowie Standing Ovations zeigten, dass Chor und Orchester das Publikum emotional erreichten und an diesem Abend alle zusammen den Weg gemeinsam durchs Labyrinth gegangen sind.